Kümmerling-Meibauer/Meibauer (2011): Lügenerwerb und Geschichten vom Lügen

Kümmerling-Meibauer, Bettina/Meibauer, Jörg: „Lügenerwerb und Geschichten vom Lügen.“ In: Klein, Wolfgang/Meibauer, Jörg (Hgg.): „Spracherwerb und Kinderliteratur. Sonderheft der Zeitschrift für Literaturwissenschaft und Linguistik 162“ (2011), S. 114-134. Unter: http://homepages.uni-tuebingen.de/bettina.kuemmerling-meibauer/essays/Luegenerwerb_und_Geschichten_vom_Luegen.pdf. [Zuletzt abgerufen am: 04.07.2014, 16:24 Uhr.]

Einleitung: Lügen ist nicht nur eine menschliche Grunderfahrung, die als Kind erlernt werden muss, zusammen mit dem Belogenwerden, sondern auch ein wichtiges Thema in Kinderliteratur. Vorrangig werden dabei die Fähigkeit zu lügen und die moralische Bewertung der Lüge thematisiert. Die Untersuchung ist interdisziplinär angelegt, betrachtet werden kindlicher Lügenerwerb sowie die Rolle des Lügens in der Kinder- und Jugendliteratur, die eng miteinander verbunden sind. Diese Literatur stellt Modelle vor, an denen das Verständnis von Lügen überprüf- und erweiterbar wird.

Früher Lügenerwerb und Theory of Mind: Üblicherweise wird Lügen definiert als (i) „ein Sprechakt, bei dem der Sprecher etwas behauptet, an dessen Wahrheit er nicht glaubt“, (ii) „Lügen ist verbunden mit der Intention, den Hörer zu täuschen“, (iii) „Ein Sprecher lügt, wenn er die Absicht hat zu täuschen, auch wenn er zufällig die Wahrheit gesagt hat“. Die Fähigkeit zu lügen wird im Laufe der Kindheit entwickelt und ist eng verbunden mit der Ausbildung metasprachlicher Fähigkeiten. Es zeigt sich ein enger Zusammenhang von moralischer, sozialer und emotionaler Entwicklung, die auch in Kinderliteratur manifestiert ist. Im Vorschulalter ist besonders die Theory of Mind (ToM) interessant, was die „Fähigkeit, sich in die Gedanken-, Imaginations- und Gefühlswelt anderer Menschen hineinzuversetzen und bei eigenen Handlungen zu berücksichtigen“ (S. 2) bezeichnet. Zu Beginn der Schulzeit entwickelt sich die Fähigkeit zum Second-order-belief. Von da an bilden sich die Fähigkeiten des Lügens auf sozialer und moralischer Ebene weiter aus, vor allem das executive functioning und die Ausbildung des Verständnisses für unterschiedliche Perspektiven auf eine Überzeugung. Werden Lügen von kleinen Kindern prinzipiell moralisch schlecht bewertet, folgt im Schulalter die Einsicht, dass prosoziale Lügen anders bewertet werden müssen.

Lügengeschichten in der Vorschulzeit: Ab einem Alter von vier bis fünf Jahren entwickelt sich das Interesse am Thema Lügen, das verbunden ist mit sozialen Beziehungen und Emotionen. Das noch vor dem Einstieg in die ToM einsetzende Bilderbuch thematisiert Lügen auf verschiedene Weisen: So können beispielsweise die Informationen primär über den Text kommuniziert werden und Bilder eine wichtige Funktion zur Transportation von Gefühlen einnehmen (z.B. in Thomas Tells a Lie von Richard Courtney, 2001), der Text kann Lösungsstrategien anbieten und Bilder illustrieren das Ganze eher (z.B. in Wer war das? Ich nicht von Sandra Grimm/Irmgard Paule, 2010), es können die wichtigen Informationen aber auch über Bilder vermittelt werden (z.B. in Really, Really! von Kes Gray/Nick Sharratt, 2002), oder die Bilder übernehmen rein illustrierende Funktion (z.B. in Fox von Margaret Wild/Ron Brooks, 2000). Dabei ist die Frage nach dem kindlichen Maß an Verständnis für moralische Themen von besonderem Interesse.

Lügengeschichten in den ersten Schuljahren: Im Schulalter verliert das Bilderbuch an Bedeutung und die kontextuelle Repräsentation verlagert sich in die Ebene mentaler Bilder. Berühmte Beispiele sind die Exempel-/Warngeschichte Pinocchios Abenteuer (1988/1883) von Carlo Collodi und Pippi Langstrumpf (2007/1945) von Astrid Lindgren. Während ersteres die Aufdeckung und Bestrafung von Lügen thematisiert und somit eine moralische Botschaft bereithält, geht das zweite Beispiel komplexer mit dem Thema Lügen um. Es werden nicht nur antisoziale Lügen von anderen Typen der Lüge unterschieden, sondern auch das fiktionale Spiel und die Freude am Nonsens in den Mittelpunkt gestellt. Die Hypothesen für Lügengeschichten in den ersten Schuljahren sind folgende: (1) Lügende Protagonisten sind für Kinder wichtig als Vergleichsfolie; (2) Literatur über Lügen lädt zur „Differenzierung zwischen verschiedenen, wahrheitsbezogenen Handlungen […] ein“ (S. 7), (3) zugleich zur Erprobung des moralischen Urteilens der Kinder.

Lügengeschichten in den späteren Schuljahren: Lügengeschichten für Kinder der späteren Schuljahre halten zwei Herausforderungen bereit: (1) Die schwierige Unterscheidung von anti- und prosozialen Lügen; (2) die Orientierung der Leser in immer komplexer werdenden Lügennetzwerken. Repräsentativ sind der Detektivroman Emil und die Detektive (Erich Kästner, 1929), der Schülerroman Cuore (Edmondo de Amicis, 1986/1886), der Roman Die Perlmutterfarbe (Anna Maria Jokl, 1948) und der Jugendroman Die Lüge (Mats Wahl, 1994). Thematisiert werden dabei lügende Erwachsene (Kästner/Wahl), prosoziale Lügen (de Amicis), moralische, soziale und politische Konsequenzen von Lügen (Jokl), sowie verschiedene Perspektiven auf das Lügen (Wahl). Ein interessantes Beispiel ist Geraldine McCaughreans A Pack of Lies (1988), dessen metafiktiver Schluss vom Leser Kenntnis über die verschiedenen Arten der Lüge sowie über den Zusammenhang von Fiktion und Realität erwartet.

Unzuverlässiges Erzählen und Täuschung: Da sich Kinder gerne an der faktischen Wahrheit eines Sachverhalts orientieren, ist die Untersuchung des Konzepts des unzuverlässigen Erzählens in Kinder- und Jugendliteratur interessant. Dabei gilt: Der zuverlässige Erzähler ist wahrhaftig, weil das Erzählte zu den impliziten Normen der Erzählung passt, dagegen weicht der unzuverlässige Erzähler von diesen Normen in Hinsicht auf (a) Fakten und Ereignisse, (b) Bewertungen und Urteile und (c) Wissen und Wahrnehmung ab. Diskrepanzen können erst nach genauer Lektüre herausgestellt werden. Beispiele sind The Borrowers (1952) von Mary Norton, The Pigman (1968) von Paul Zindel und Die Kurzhosengang (2004) von Viktor Caspak und Yves Lanois. Zweifel für die Unzuverlässigkeit des Erzählers kommen dabei auf durch die narrative Struktur und Rahmung in The Borrowers, durch zwei alternierend erzählende jugendliche Ich-Erzähler in The Pigman, und durch die Täuschung der Leser auf diversen Ebenen in Die Kurzhosengang. Wie Kinder und Jugendliche mit unzuverlässigem Erzählen umgehen, ist Gegenstand empirischer Forschungen.

Schlussfolgerungen: Der Lügenerwerb ist eng verbunden mit der kindlichen kognitiven Entwicklung. Die Darstellung von Lügen ist schon in Bilderbüchern für ab 4-5-Jährige ein wichtiges Thema und gewinnt immer mehr an Komplexität. Zwar ist das kindliche Verstehen von Lügengeschichten weder beschreib- noch erklärbar, fest steht jedoch, dass die Lektüre von Lügenerzählungen Auswirkungen auf kindliche und jugendliche Maßstäbe und Erfahrungen hat.


Der Aufsatz legt aufschlussreich die Verbindung von empirischer und literarischer wissenschaftlicher Arbeit dar. Diese Ausführungen öffnen in der deutschen literaturwissenschaftlichen Arbeit ein neues Feld, das von großer Relevanz und großem Interesse ist. Diese Herangehensweise hat theoretischen, vor allem aber auch praktischen Nutzen und erweist sich deshalb als richtungsweisend.