Liebeslügen: Die literarische Intrige in Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ (1811)

St. Domingo

In der Literatur um 1800 treffen zwei für die moderne Theorie des Subjekts entscheidende Diskurse aufeinander: die Rede über die Liebe und das Weibliche und die Auseinandersetzungen über das Ich.

Berroth, Erika: Heinrich von Kleist. Geschlecht – Erkenntnis – Wirklichkeit. New York 2003, S. 1.

‘The truth’ is not a thing. […] Furthermore, no one could tell the ‘whole truth’ about anything. We cannot know the whole truth.

Shibles, Warren: Lying: A Critical Analysis. Whitewater 1985, S. 90 f.

Zu einer guten Geschichte gehört, daß man sie gerne wieder hört, auch wenn man sie seit vielen Jahren kennt.

Matt, Peter von: Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist. Wien/München 2006, S. 24.

Psychologie, Psychoanalyse, Philosophie, Soziologie, Rechtsprechung, Sprach- und Literaturwissenschaften: Sie alle beschäftigen sich mit den Themen Lüge und Wahrheit – wie sie zu definieren und moralisch zu bewerten sind. Doch besonders Autoren und Dichter setzen sich mit diesem allzu menschlichen Phänomen auseinander, thematisieren in ihren Erzählungen, was als Lüge bezeichnet werden kann, warum sie erzählt werden, welche Konsequenzen sie haben und wie sich dazu “die Wahrheit” abgrenzen lässt.

Heinrich von Kleist (1777-1811) ist „als Autor ein Rätsel den meisten und ein Autor rätselhafter Werke“[4]. Sein Opus wird noch bis heute nicht nur in der Forschungsliteratur diskutiert, sondern auch noch immer in öffentlichen Lesungen vorgetragen und in Theatern aufgeführt.[5] Dass die Themen in seinen Werken hochaktuell sind, zeigt sich am Beispiel des Phänomens der Lüge.[6] Es ist allerdings auch hinreichend bekannt, dass Kleists Werk gekennzeichnet ist durch Ambiguitäten. Am meisten setzte sich der Schriftsteller mit der Frage nach Wahrheit und Wahrnehmung auseinander, und verwies und verweist noch immer damit auch gleichzeitig auf moralische Fragestellungen, indem mit der Frage nach Wahrheit stets die Frage nach dem Gegenteil dessen aufgeworfen werden muss. Bereits David Deißner erkennt, dass es bei Kleist um die „Vermittlung zwischen moralischem Anspruch und menschlichem Vermögen[7] geht. Durch vielfache explizite wie implizite intertextuelle Bezüge können Kleists Werke zudem nicht nur parallel zu anderen Texten gelesen werden, vielmehr stellt sich Kleist genau durch diese Bezüge in die literarische Tradition der Intrige. In seiner Studie über dieses Phänomen weist Peter von Matt die Intrige in der Literatur beispielsweise bei Dante, Shakespeare oder Molière nach, auf die sich Kleist intertextuell mehrfach bezieht. Auch Elmar Hoffmeister erkannte bereits 1968 das Vorkommen der Intrige „als bestimmte Art der bewußten Irreführung“ bei Kleist, er konzentriert sich in seiner Arbeit jedoch auf die „Täuschungen in allen Variationen, wie Versehen, Verkennung, Verwirrung, Irrtum, Mißverständnis, List und Verschlagenheit“[8].

Obgleich der Diskurs der Macht und Moral in Bezug zu Herrschaft, Staat und Autorität in der Verlobung verhandelt wird, wie diverse Abhandlungen gezeigt haben, erweisen sich die Dynamiken von Macht und Moral in Zusammenhang mit Liebe und sexuellem Verlangen als besonders aufschlussreich, da diese als das Primum movens der Intrige Tonis zu betrachten sind. Festzuhalten ist aber: „A lie is not bad in itself. It depends on what we do with it.“[9] Auch durch von Matts Analyse wird deutlich, dass die Intrige „keineswegs von Natur aus schon sittlich anrüchig sein muß. Es gibt die gute, die rettende, die, wenn man so will, weiße Intrige gegenüber der bösen, der vernichtenden, schwarzen Intrige.“[10] In Kleists Verlobung in St. Domingo werden die Intrige Congo Hoangos und die Gegenintrige Tonis nebeneinandergestellt. Innerhalb des Textes finden sich diverse Oppositionen, die für die Intrige von großer Relevanz sind, dabei unter anderem die flagranten Gegenüberstellungen von ‚schwarz‘ und ‚weiß‘, Mann und Frau, Blutsverwandtschaft und Zusammenleben ohne Blutsverbund. Dabei führt die Erzählung nicht nur verschiedenartige familiäre Strukturen vor, sondern thematisiert das Zusammenspiel von autoritären familiären Strukturen und das Aufblühen eines jungen Mädchens durch die Liebe. Die Verlobung Tonis mit Gustav als Wendepunkt in der Erzählung gibt Toni die Freiheit, ihren Verstand und ihr Gefühl zusammenzubringen und nutzbar zu machen. Diese komplexen sozialen Strukturen, die der Text vorstellt, stellen dem Leser den Zwang zur Intrige seitens Tonis durch ‚das Böse‘, das durch Congo Hoango verkörpert wird, vor. In anderen Worten zeigt sich hier, welchen Einfluss die Umwelt auf den Menschen hat, und wie beide Instanzen zusammenspielen. Und doch: Obgleich Tonis Intrige gelingt, sind sie und ihr Verlobter, den sie zu retten suchte, letztlich die Opfer ihres Handelns. Ihre ‚romantische‘ Liebe jedoch vermag es letztlich, wenn nicht sie selbst, dann doch die Familie zu retten und zusammenzuhalten.

Intrige, Lüge und Täuschung in der Literatur

Die literarische Intrige

Die Kunst der Verstellung gehört seit den Klugheitslehren von Machiavelli, Gracián und Pufendorf zu einer der notwendigen Qualitäten eines sich in der höfischen Gesellschaft bewähren wollenden Menschen. Die Kunst der Simulation und Dissimulation im Umgang mit anderen wird daher zu einer überlebensnotwendigen Fertigkeit

Grzesiuk, Ewa: „Ich reime, dächt‘ ich, doch noch ziemlich zusammen, was zusammengehört“. Intriganten und Intrigen in Lessings Emilia Galotti. In: Eggert, Hartmut/Golec, Janusz (Hgg.): Lügen und ihre Widersacher. Literarische Ästhetik der Lüge seit dem 18. Jahrhundert. Ein deutsch-polnisches Symposion. Würzburg 2004, S. 76.

Als universell menschliche Phänomene müssen sich Erzählen und Lügen einem bestimmten Denken entsprechend über Jahrzehnte bestimmte Strukturen entwickelt haben. Auf dieselbe Art hat sich in der Literatur eine Struktur der Intrige[12] herausgebildet, die es Peter von Matt erlaubt hat, ein (vorläufiges) Modell dieses literarischen Phänomens zu entwickeln. Seine Studie ist der Versuch einer Morphologie der literarischen Intrige. Der Kosmos des Lebendigen sei untrennbar verbunden mit Lüge, Täuschung, Tücke und Hinterlist. Diese Phänomene finden sich nicht nur unter Menschen, sondern auch bei Tieren und Pflanzen, in Form von (1) Simulation, also des Vorspiegelns, was nicht ist, oder (2) Dissimulation, dem Verheimlichen oder Verdecken der wahren Beschaffenheit. Diese beiden Formen seien, im Zusammenspiel, oft bei der Intrige vorzufinden. Dabei hat der Akt der Verstellung, bei Mensch wie in der Natur, stets einen Zweck, der durch eine Schädigung erreicht wird. In der Literatur wird die biologisch programmierte Hinterlist, die Intrige, reflektiert: Der erste Schritt der literarischen Intrige ist die Noterfahrung[13], der die Zielvision[14] folgt. Den dritten Schritt stellt die „Planszene[15] dar, die das Primum movens der Intrige zutage bringt. In Bezug zur Hinterlist, zur Intrige, trennt den Menschen die Planszene vom Tier, indem diese vom Mensch selbst geplant wird, und nicht von der Biologie gesteuert ist. Die Planszene sei, so von Matt, das erste Element im strukturellen Aufriss der Intrige und ihr Schlüsselereignis. Der Planszene folgt die eigentliche „Intrigenpraxis“[16] sowie letztlich die „Anagnorisis“[17], sofern die Intrige aufgedeckt wird. Verbunden mit der Täuschungstätigkeit sind „Intrigenrequisit[18] und gegebenenfalls die „freiwilligen und […] unfreiwilligen Helfer[19], letztere werden dann als „Intrigenopfer[20] bezeichnet. Zu den Arten der Verstellung zählen „Verkleidung[21], „Intrigenstimme[22], „Intrigenschrift[23] und „der vielschichtige Vorgang der mimetischen Verstellung[24]. Der Intrigant kann sich auszeichnen durch „Intrigengeduld[25] und „Intrigengenuß[26].

Von Matt weist außerdem darauf hin, dass der Intrigant vor allem zu Zeiten geschichtlicher Umbrüche zum Vorschein kommt. Beim Intriganten steht der Teufel als Denkfigur für die vermittelnde Figur, der schon bei Dante als Logiker auftritt und für Verstellung, List und Planung steht.[27] In Bezug zu Kleist wird die Betrachtung der Intrige in ihrer Struktur und in ihrer historischen Entwicklung nicht nur relevant, da er als wichtiger Schriftsteller in dieser Tradition zu sehen ist, sondern auch, da sich das rhetorische Phänomen der Lüge darunter fassen lässt, das in der Verlobung zentral wird. Die Intrige als literarisches Phänomen also fasst diejenigen zentralen Aspekte in Kleists Werk zusammen, die im Kleist-Handbuch von Ingo Breuer ausgeführt werden: Im Bereich der Diskurse sind das Moralistik, Recht, Justiz und Rhetorik, im Bereich der Motive Erkenntnis und Wahrheit, Erzählen sowie Gewalt und Verbrechen.[28]

Beweggründe und Rechtfertigung für das Lügen

Eine der Hauptfragen in der Literatur wie in der Forschung ist dann: Warum lügen wir? Warren Shibles (1985) differenziert 41 Gründe für das Lügen, worunter profane Beweggründe wie die Vermeidung von Peinlichkeiten[29] fallen, aber auch das Zuhilfekommen einer anderen Person[30] einbezogen werden kann. Ähnlicher Art sind auch die Rechtfertigungen für das Lügen: Shibles erklärt, dass Lügen, die anderen helfen, nicht gerechtfertigt werden müssen. Diejenigen Lügen jedoch, die Schaden verursachen, geschehen zumeist aus der Unwissenheit über die Konsequenzen, der Vermeidung von Ungerechtigkeit oder Rache.[31] Darüber hinaus zeigt uns die Weltliteratur in all ihren Facetten nicht nur verschiedene Beweggründe für Lüge wie Intrige, sondern auch die diversen Mechanismen und Hilfsmittel, die zum Einsatz kommen. In der literarischen Tradition der Intrige ist das Primum movens in diesem Zusammenhang insofern bedeutend, als dass es den Beweggrund markiert und Überlegungen zur Rechtfertigung  des Handelns zulässt.

Liebe und Lügen

Love relationships, as well as friendships, may be broken by lies.

Shibles (1985): Lying, S. 98.

Anhaltende Diskussionen über die Bewertung der Lüge und ihrer Moralität sind auf zwischenmenschlicher Ebene besonders relevant in Liebesbeziehungen. Diese werden getragen durch Vertrauen, das sich nicht auf Beweise stützt, und kann zerstört werden durch Misskommunikation oder gezieltes Lügen. Wie eng Liebe und Lüge miteinander verknüpft sind, zeigt uns nicht nur Kleist, sondern auch Shibles. Er hält fest, dass sich Lügner wie Liebender innerhalb einer Liebesbeziehung darüber im Klaren sind, dass die subjektiven Aussagen objektiv betrachtet Lügen sind, aber notwendig sind, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen: „That is love’s truth. It is to use a lie to tell the truth about one’s feelings. We love and desire the other person so much we lie for them.“[33] Liebesbeziehungen, so Shibles, zeichnen sich nicht durch das Wissen um die Wahrheit über die Gefühle des Anderen aus, sondern durch Vertrauen. Die Fiktion des „seeming trust“ [34] ist also die Voraussetzung für das Gelingen der Beziehung.

Heinrich von Kleists „Die Verlobung in St. Domingo“ (1811)

Narratologische Überlegungen

Geschichtenerzählen ein dynamischer Prozeß des Geben und Nehmens zwischen Erzähler und Zuhörer

Zipes, Jack: Rotkäppchens Lust und Leid. Biographie eines europäischen Märchens. Köln 1982, S. 20.

Literaturwissenschaftlich gesprochen handelt es sich bei der Verlobung den Definitionen Matías Martínez‘ und Michael Scheffels[36] zufolge um eine Erzählung, die in der Vergangenheit spielt, die jedoch weitgehend chronologisch und singulativ erzählt wird. Zeitdeckendes Erzählen findet sich in den zumeist kürzeren Dialogpassagen, allerdings wird der Erzählfluss vielfach durch detaillierte Schilderungen der Umgebung, der Personen und ihres Aussehens unterbrochen. Die Pausen sind, wie auch Kleists charakteristische Ohnmachten, von besonderer Relevanz, da sie Reflexionsphasen markieren und die Intrigenstruktur nachvollziehbar machen. Der Grad der Mittelbarkeit variiert dabei stark von unmittelbar respektive dramatisch während der Dialogpassagen hin zu mittelbarem narrativem Modus, der in den der Beschreibung dienenden Pausen zum Ausdruck kommt. Die Nullfokalisierung, also das Wissen des Erzählers um Sachverhalte, die einzelnen Figuren unbekannt bleiben, dient der Erzählinstanz zur Leserlenkung. Neben dieser extradiegetischen Erzählung, die von Congo Hoangos Familie und der Famile Strömli berichtet, finden sich mehrfach kleinere Erzählungen auf intradiegetischer Ebene, die die Beweggründe des Handelns einzelner Figuren in der Erzählung darlegen sollen. Der Erzähler bleibt jedoch anonym.

Der Titel als Paratext[37] ist als Signal für den Leser besonders aufschlussreich, da er auf das Primum movens der im Mittelpunkt stehenden Gegenintrige Tonis verweist.

Auf metatextueller Ebene operiert der Autor Kleist auf interessante Weise: Hier finden sich die Mechanismen der literarischen Intrige in seinem Werk vielfach in der Verkleidung von politischer Kritik sowie Überlegungen zu Macht und Moral in andere Kleider, wie beispielsweise die Auswahl eines nicht-zeitgenössischen Settings wie in Amphitryon oder Penthesilea deutlich macht. Die Verkleidung, so von Matt, sei wichtig, denn in ihr „radikalisiert sich die Verstellung. Sie erfordert einen ganzen Fächer von Begabungen.“[38]

Wechselwirkungen: Politik, Mensch und Umwelt

Rigide Überwachungsinstanzen fördern ein Klima der Lüge.

Eggert/Kocher (2004): Überlegungen zur Aktualität der Lügenforschung, S. 18.

Im Mittelpunkt der Verlobung, so vermittelt bereits der Titel, steht die Beziehung zwischen Toni und Gustav, die aus verschiedenen geografischen Regionen sowie aus unterschiedlichen sozialen Schichten stammen. Diese Unterschiede von Herkunft und Erziehung bilden einen Aspekt des Misslingens ihrer Kommunikation und sind ein Grund für das tragische Ende der Liebenden.

Neben diesen Einflüssen ist jedoch noch die ursprüngliche Intrige Congo Hoangos signifikant. Das Primum movens seiner Handlung liegt in seiner blinden Rachsucht und Wut, die die Willkür seiner Intrigenhandlung unterstreichen. Der Intrigenhandlung unterliegt keine Notwendigkeit; sie erscheint als bewusste Manipulation mit einem Drang zur Vernichtung, und als die Verkörperung des Bösen:

Zu den dunklen Leidenschaften, die Treibsätze des Bösen bilden, gehören Haß und Ehrgeiz, Gier und Wollust, Argwohn und Wut. Sie lassen sich jedoch nicht nur als Auslöser übler Taten, sondern zugleich als deren konstitutive Elemente betrachten. Durchmischt und versetzt mit zerstörerischen Affekten ist das Böse, das aus der moralischen Selbstvergessenheit resultiert, ebenso wie jenes, das der Verfremdung sittlicher Motive und der Willkür des Normverstoßes zugrunde liegt.

Alt, Peter-André: Ästhetik des Bösen. München 2010, S. 215.

Dabei steht sein Handeln für das Unnatürliche, denn im Gegensatz zur Natur, die in ihrem biologischen Streben einen zielgerichteten Zweck verfolgt, dient Congo Hoangos Intrige einzig seiner Zerstörungswut. Congo Hoango, der als „ein fürchterlicher alter Neger“ (Kleist 160) vorgestellt wird, ist getrieben von Hass und Rache, und im Zuge dessen entwickelt er Taktiken und Strategien einer Intrige, die der Vernichtung dienen. Seine Motive sind politischer Art, Toni dagegen entwickelt ihre Intrige der Rettung ihres Verlobten wegens. Congo Hoango verbindet für das Gelingen seiner Intrige die altbewährte Kombination von Sex und Politik: „mit Unterstützungen und Gefälligkeiten“ (Kleist 161) sollen Babekan und Toni ihn in seinem Treiben beistehen. Dabei kommt Babekan eine entscheidende Rolle zu: sie

pflegte in solchen Fällen die junge Toni, die, wegen ihrer ins Gelbliche gehenden Gesichtsfarbe, zu dieser gräßlichen List besonders brauchbar war, mit ihren besten Kleidern auszuputzen; sie ermunterte dieselbe, den Fremden keine Liebkosung zu versagen, bis auf die letzte, die ihr bei Todesstrafe verboten war: und wenn Congo Hoango mit seinem Negertrupp von den Streifereien, die er in der Gegend gemacht hatte, wiederkehrte, war unmittelbarer Tod das Los der Armen, die sich durch diese Künste hatten täuschen lassen.

Kleist 161

Seine sich in ihrer Struktur wiederholende Intrige gelingt dabei immer wieder, letztlich auch im Falle Tonis und Gustavs: Der Wille des Patriarchen, sein Gesetz in Bezug auf Toni und ihre sexuellen Handlungen sowie in Bezug auf Gustav als ‚weißen Fremden‘ werden letztlich, wenn auch nicht durch seine Hand, durchgesetzt. Seine Intrigenhelferin Babekan stattet die zweite Intrigenhelferin, ihre Tochter Toni, sogleich mit dem mächtigen Intrigenrequisit der Verkleidung aus, um die gesetzten Ziele zu erreichen – mit Erfolg.

Die Intrigantin: Tonis Täuschungskunst und Intrigenfertigkeit

Der kategorische Imperativ des Intriganten lautet daher: Handle so, daß alles, was du unternimmst, Teil einer höheren Lenkung sein könnte, die dich, unabhängig von Gut und Böse, zu dem von dir gewünschten Erfolg führt.

Matt (2006): Die Intrige, S. 197.

Congo Hoangos zentrales Intrigenrequisit sind also die Frauen Babekan und Toni. Während Babekan durch ihre mütterliche Art und ihren Verstand nützlich ist, nutzt Toni auf Anraten ihrer Mutter „Erotik als Waffe“[42]. Hier ist Toni noch mehr oder minder unfreiwillige Intrigenhelferin, die ihrerseits jedoch rhetorische wie physische Fertigkeiten einsetzt, um ihrer Rolle gerecht zu werden. „Lügen ist eine komplexe Kunst, die gelernt sein will.“[43] Nach der Verlobung mit Gustav jedoch wendet sich Tonis Rolle von der Intrigenhelferin zur Intrigantin, die mit ihrer Gegenintrige versucht, ihr Leben und das ihres Verlobten und seiner Familie zu retten.

Das Primum movens der Gegenintrige Tonis ist ihre zarte Liebe zu Gustav, dem Fremden. Bereits im Titel als Paratext wird deutlich, welchen Stellenwert Liebe in dieser Erzählung hat, trotzdem deutet sich dem Leser bereits hier ein Konflikt an, denn es wird von Verlobung, und nicht etwa von Hochzeit oder Liebesglück der beiden gesprochen. Neben anderen zentralen Konflikten im Text fokussiert sich der Titel also auf Toni und Gustav, und auf die Gegenintrige Tonis. Dass die Verlobung ein zentraler Handlungsschritt in der Erzählung ist, wird nicht nur dem Leser deutlich, sondern auch von Tonis Mutter Babekan erkannt: „Die Alte, während sie sich wieder niedersetzte, und das Mädchen, das noch immer auf den Knieen dalag, vom Boden auf hob, fragte: ‚was denn im Lauf einer einzigen Nacht ihre Gedanken so plötzlich umgewandelt hätte? Ob sie gestern, nachdem sie ihm das Bad bereitet, noch lange bei ihm gewesen wäre? Und ob sie viel mit dem Fremden gesprochen hätte?‘“ (Kleist 178f.) Die Verbindung mit Gustav von Ried ist es, die als Triebfeder für die Intrige Tonis zu lesen ist. Die Noterfahrung Tonis ist im Text zeitlich früher angelegt als das Primum movens, und legt zugleich das Primum movens von Congo Hoangos Intrigenhandeln dar. Es besteht in dem Hass Congo Hoangos sowie Babekans gegenüber der weißen Bevölkerung:

Ja, er forderte, in seiner unmenschlichen Rachsucht, sogar die alte Babekan mit ihrer Tochter, einer jungen funfzehnjährigen Mestize, namens Toni, auf, an diesem grimmigen Kriege, bei dem er sich ganz verjüngte, Anteil zu nehmen; und weil das Hauptgebäude der Pflanzung, das er jetzt bewohnte, einsam an der Landstraße lag und sich häufig, während seiner Abwesenheit, weiße oder kreolische Flüchtlinge einfanden, welche darin Nahrung oder ein Unterkommen suchten, so unterrichtete er die Weiber, diese weißen Hunde, wie er sie nannte, mit Unterstützung und Gefälligkeiten bis zu seiner Wiederkehr hinzuhalten.

Kleist 161

Hier fällt auf, dass die spätere Intrigantin Toni im Text das erste Mal und nur wegen des Hasses Congo Hoangos genannt wird und zugleich auch ihre „Künste“ betont werden. Die konkrete Not Tonis besteht in der Aussicht, ihren Verlobten sowie seine Familie bald durch den Hass Congo Hoangos zu verlieren: „Sie kannte den Haß der Alten gegen die Weißen zu gut, als daß sie hätte glauben können, sie werde eine solche Gelegenheit, ihn zu sättigen, ungenutzt vorüber gehen lassen.“ (Kleist 178) Die Zielvision und Planszene fallen narrativ gleichermaßen zusammen:

Denn sie sah den Jüngling, vor Gott und ihrem Herzen, nicht mehr als einen bloßen Gast, dem sie Schutz und Obdach gegeben, sondern als ihren Verlobten und Gemahl an, und war willens, sobald nur seine Partei im Hause stark genug sein würde, dies der Mutter, auf deren Bestürzung sie unter diesen Umständen rechnete, ohne Rückhalt zu erklären.

Kleist 181

Ihr wachsendes Gefühl für Gustav veranlasst Toni, in kürzester Zeit ihren Plan zu fassen und ihn umzusetzen: „entschlossen, im schlimmsten Falle den Tod mit ihm zu leiden, flog sie damit dem auf der Landstraße wandernden Knaben nach“ (Kleist 181). Die Intrigenpraxis Tonis, die sich hier bereits zeigt, beginnt schon zuvor mit dem Akt des Versteckens des Briefes, den Gustav an seine Familie geschrieben hat und der „von der größten Wichtikeit gewesen sein würde“ (Kleist 182). Dieser Zettel wird also, zusammen mit dem Ring Gustavs, zum Intrigenrequisit, das mittels des unfreiwilligen Intrigenhelfers Nanky übermittelt wird. Dieser Moment wird in der Erzählung genau beschrieben:

Sie unterdrückte die Angst, die alle diese lügenhaften Anstalten in ihr erweckten […] Sie nahm aus dem Schrank der Mutter den Brief, worin der Fremde in seiner Unschuld die Familie eingeladen hatte, dem Knaben in die Niederlassung zu folgen

Kleist 181

Ihren Plan fasst Toni also scheinbar in größter Eile. Im Gespräch mit Nanky offenbart sich ein Teil ihrer Intrige, den sie durch rhetorisch geschicktes Handeln umsetzt:

die Mutter hat ihren Plan, die Familie Herrn Strömlis anbetreffend, umgeändert. Nimm diesen Brief! Er lautet an Herrn Strömli, das alte Oberhaupt der Familie, und enthält die Einladung, einige Tage mit allem, was zu ihm gehört, in der Niederlassung zu verweilen.

Kleist 181

Toni lügt also an dieser Stelle ganz gezielt, um ihre Intrige gelingen zu lassen und, getrieben von ihrer Liebe, ihren Verlobten zu retten. Ein Teil ihres Plans findet sich in ihrer Rede zu Nanky wieder: „Doch wirst du, möglicher Truppenmärsche wegen, die auf der Landstraße stattfinden könnten, die Wanderung er nicht, als um Mitternacht antreten; aber dann dieselbe auch so beschleunigen, daß du vor der Dämmerung des Tages hier eintriffst.“ (Kleist 182) Toni belügt im Folgenden auch rhetorisch geschickt ihre Mutter, die „den Brief vermißte“ (Kleist 182) und im späteren Gespräch beständig versucht, über diesen zu sprechen. Toni weiß dies zu verhindern, und in der Nacht schließlich tritt Toni in Gustavs Zimmer, sie stellt jedoch entsetzt fest, dass Congo Hoango unerwartet heimgekehrt ist. Diese Begebenheit schließlich zwingt Toni erneut, ihre Intrigentaktik auszubauen, obgleich sie für dessen Kalkulation kaum Zeit hat. In kürzester Zeit baut sie, die „Verräterin“, die „Spitzbübin“, wie sie von ihrer Mutter genannt wird (Kleist 184), ihre Intrigenstrategie aus:

In diese unaussprechlichen Angst fiel ihr ein Strick in die Augen, welcher, der Himmel weiß durch welchen Zufall, an dem Riegel der Wand hing. Gott selbst, meinte sie, indem sie es herabriß, hätte ihn zu ihrer und des Freundes Rettung dahin geführt. Sie umschlang den Jüngling, vielfache Knoten schürzend, an Händen und Füßen damit; und nachdem sie, ohne darauf zu achten, daß er sich rührte und sträubte, die Enden zugezogen und an das Gestell des Bettes festgebunden hatte: drückte sie, froh, des Augenblicks mächtig geworden zu sein, einen Kuß auf seine Lippen, und eilte dem Neger Hoango, der schon auf der Treppe klirrte, entgegen.

Kleist 185

In der Konfrontation mit Congo Hoango und ihrer Mutter macht Toni Gebrauch von ihren Künsten, mittels derer sie Congo Hoango durch Vorspielen von Erstaunen zu täuschen vermag: sie „setzte sich, als ob sie weinte“ (Kleist 186), um diesen Eindruck zu verstärken, die Intrige gelingen zu lassen und ihren Verlobten zu retten. Erst darauf wandeln sich die Tränen in echte Tränen, „vor Schmerz und Wut“ (Kleist 186). Ihre Täuschung geht weiter:

Aber Toni, welche nur scheinbar dem Alten, der ihr noch einmal die Hand gereicht, gute Nacht gesagt und sich zu Bette gelegt hatte, stand, sobald sie alles im Hause still sah, wieder auf, schlich sich durch eine Hinterpforte des Hauses auf das freie Feld hinaus, und lief, die wildeste Verzweiflung im Herzen, auf dem, die Landstraße durchkreuzenden, Wege der Gegend zu, von welcher die Familie Herrn Strömlis herankommen mußte.

Kleist 187

Hier zeigt sich, wie stark die Liebe als Primum movens ist, wenn Toni innerhalb von Sekunden ihren Plan fasst.

Elmar Hoffmeister erklärt, dass die „bewußt Trügenden […] als boshafte Naturen [erscheinen], die durch ihre Täuschungen die Welt in ein Chaos verwandeln, wenn ihre Entlarvung nicht rechtzeitig erfolgt.“[44] Bei Toni verhält es sich jedoch anders. Nicht nur erscheint sie nicht als boshafte Natur, auch verwandelt sich die Welt Tonis und Gustavs in ein Chaos, gerade obwohl die Anagnorisis stattgefunden hat. In der Verlobung wird die Intrige situationsbedingt aufgedeckt, denn die Anagnorisis findet im Kampf zwischen den Familien statt. Die Intrige gelingt streng genommen insofern, als Congo Hoango und seine Leute gefangengenommen werden können, und Gustav und seine Familie gerettet werden. Zur Katastrophe zwischen den Liebenden letztlich, wobei Gustav „knirschend vor Wut“ (Kleist 192) seine Verlobte erschießt, führen die begrenzte Zeit sowie die misslingende respektive nicht stattfindende Kommunikation seitens Tonis zur Einweihung Gustavs in ihren Plan. Seitens Gustavs scheitert das Vorhaben Tonis jedoch daran, dass er ihr kein Vertrauen schenkt. Die Intrige und Anagnorisis sind in diesem Fall also beides: Rettend und auflösend für die Familie Strömli, unwiderruflich bestürzend für die Liebenden, die durch die Wut Gustavs sterben.

Der Akt der Planung ist nach von Matt von besonderer Relevanz, da er eine doppelte Dimension hat: (1) anthropologisch und erzähltechnisch lässt er beginnen, was zum Spektakel wird, explizit oder implizit mitgeteilt, (2) anthropologisch und philosophisch deckt er die Kategorien auf, deretwegen Menschen hohe Risiken eingeht.[45] Dass die Planszene als „Element der moralischen Reflexion“[46] in der Verlobung nicht expliziert wird, scheint dabei mit der kaum vorliegenden Freiheit der Entscheidung zur Intrige zusammenzuhängen: Zwar entscheidet sich Toni aus eigener Kraft zur Nutzung ihrer Täuschungskünste, und auch der Zweck der Intrige ist zunächst durch persönlich-individuelle Interessen charakterisiert, trotzdem ist sie das Resultat der ursprünglichen Intrige Congo Hoangos gegen die weiße Bevölkerung als Kollektiv und büßt somit an Freiheitscharakter ein. Tonis Intrige ist die Konsequenz einer strikten familiären Erziehung und Autoritäts- und Machtstruktur, die im Privaten das Zusammenleben bestimmt, strukturiert und keinen Raum für Eigenständigkeit und Freiheit im Denken und Fühlen zulässt. Innerhalb des Machtgefüges des Hauses bleibt Toni keine andere Möglichkeit, als auf die altbekannten Taktiken zurückzugreifen, die dem jungen Mädchen bestens vertraut sind. Ihr Zurückgreifen auf die Intrige erscheint daher als Notwendigkeit, während Congo Hoango aus Willkür zum Intriganten wird. Die altbekannten Machtstrukturen mischen sich jedoch mit der Verlobung mit Gustav, die einen Wendepunkt in ihrem Leben markiert. Wenn Toni auch als Resultat ihrer Erziehung im Hause Congo Hoangos auf die altbekannte Strategie der Intrige zurückgreift, und es ist so gelingt, authentisch zu erscheinten, aber so auch nur bedingt aus freien Stücken handelt, ist ihre Intrigentaktik hingegen bestimmt durch Freiheit und Kreativität. Diese Merkmale zeigen sich in der Wahl der Intrigenrequisiten, die aus dem Brief und dem Ring bestehen. Sie nutzt ihre Intrigenstimme und ihren Körper als Organ der Verstellung, um zu ihrem Ziel zu gelangen und wählt Nanky als unfreiwilligen Intrigenhelfer.

Romantische vs. familiäre Liebe: Effekte auf das soziale Leben

It is the consequence which is good or bad.

Shibles (1985): Lying, S. 36.

Der zentrale Punkt des Intrigenhandelns in der Verlobung zeigt sich, wenn ein weiterer Blick auf die Konsequenzen der Intrigen geworfen wird. Die Konsequenzen sind nicht das eine oder das andere, nicht gut oder schlecht, sondern beides zugleich. Beide Familien haben Verluste zu verzeichnen und tragen somit die negativen Konsequenzen der Intrigen. Tonis Gegenintrige als Akt des Widerstands, der Auflehnung, der Liebe und der Emanzipation jedoch führt letztlich zum Überleben und zur Rettung der Familie Strömli.

Wenn auch die ‚romantische‘ Liebe als Utopie und inferior dem familiären Zusammenhalt gegenüber erscheint, da sie letztlich in der Verkörperung von Gustav und Toni nicht überlebt, so ist es doch diese, die das Überleben der Familie gesichert hat.

Moralische Überlegungen

Der literarische Intrigenbau mit dem Schauspiel seiner Auflösung ist verkörperlichte Moralphilosophie.

Matt (2006): Die Intrige, S. 465.

Was für ein „Versuchsspiel“[49] sehen wir in der Verlobung? Es zeigt sich, dass Tonis Handeln als Intrigantin vielmehr der finale Schritt in die Welt der Erwachsenen ist, noch nach der Begebenheit mit Gustav. Wenn auch ihr Vorhaben, Gustav und ihre Liebe zu retten, scheitert, handelt sie letztlich selbstständig als heranwachsende Frau, die sich aus der Naivität des Kindseins, des Untergeordnetseins in einem Machtsystem und des unreflektierten Handelns emanzipiert. Ihre Erziehung ist der Ausgangspunkt für ihr Intrigenhandeln, letztlich sind es jedoch das Beachten ihres Gefühls und die Nutzung des Verstandes, die zur Freiheit führen, die aber im schlimmsten, hier dargestellten, Szenario letztlich auch zum Tode führen können.

In der Verlobung wird der Leser mit zwei Intrigen konfrontiert, die sich diverser Intrigenrequisiten bedienen, unterschiedlich motiviert sind und verschiedene Ziele verfolgen. Die Gegenintrige Tonis dient dabei nicht nur der Dynamik der Erzählung und der Spannungssteigerung, sondern thematisiert vielmehr die Selbstbestimmtheit und Freiheit einer jungen Frau, die durch ihr (zuvor erlerntes und dann eigens umgesetztes) Intrigenhandeln in die Welt der Erwachsenen eintritt, sich emanzipiert, sich unter Beachtung ihres Gefühls ihres Verstandes bedient, um so ihren Verlobten und seine Familie zu retten.

Die in epischen Werken implizierten Wertvorstellungen sind von der inszenierten Erzählsituation abhängig, ihre potentielle Wirkungsintensität ebenfalls. Wer beispielsweise aus der Sicht eines apersonalen, allwissenden Erzählers berichtet, dessen Aeusserungen im Werk von niemandem in Frage gestellt werden, verleiht den – wahrscheinlich problematischen – Wertmassstäben der Erzählerinstanz uneingeschränkte Gültigkeit in der dargestellten Welt und verleitet unkritische – und möglicherweise auch einige kritische – Leser dazu, die propagierten Wertvorstellungen mindestens für die Zeit der Buchlektüre zu übernehmen.

Müller, Heidy M.: Wertsetzung als Implikation der Erzählhaltung. Bemerkungen zur Judendarstellung in Jurek Beckers Romanen. In: Philosophica 38, 1986 (2), S. 62.

Die Verlobung zeigt eine durch Intrigen handelnde Gesellschaft, in der Lügen und Betrügen als Notwendigkeiten erscheinen, und in der zu entsprechendem Verhalten erzogen wird. Congo Hoangos Intrigen führen zwar nach wiederholtem Gelingen letztlich zum Kampf und zum Verlust einiger Mitglieder der größeren Familie; die Gegenintrige Tonis, deren Anagnorisis mit ihrer schreckliche Konsequenz für Toni und Gustav, legt jedoch seitens des Erzählers nicht nahe, dass Congo Hoangos Intrigenhandeln hier an einen Endpunkt gelangt ist. Dass Babekan und Congo Hoango im Gegensatz zu Toni als unsympathische Figuren erscheinen, ist kein entscheidender Faktor in der Erzählung.

Schlussüberlegungen

Vielleicht nährt sich die dunkle Bezauberung, die seit jeher von der planvollen Täuschung, der souverän geführten Intrige ausgeht, an unserem angeborenen Anteil an der universalen Fallenstellerei.

Matt (2006): Die Intrige, S. 24.

The lie is therefore parasitic on the social process: it depends for its success on credibility and reliability that it serves to undermine at the same moment. This destruction of trust, testimony and tradition is what many philosophers see as the main reason why lying is, in general immoral.

Shibles (1985): Lying, S. 19.

In Kleist’s Werke sind es oft äußere Umstände, die solche Lebenskrisen herbeiführen.

Schede, Hans-Georg: Heinrich von Kleist. Reinbek bei Hamburg 2008, S. 7.

Kleists Verlobung zeigt im Kleinen, worum es im Großen geht: Das Überleben in der gegenwärtigen Gesellschaft zum einen, die Notwendigkeit des Täuschens in allen Variationen und in der Liebe zum anderen. Obgleich die Handlung der Erzählung eng verknüpft ist mit einem „bestimmten Ausschnitt von Welt: […] Krieg“[54] und sich hierin die Zeiten des Umbruchs zeigen, von denen von Matt spricht, verweist sie auf allgemeinmenschliche Zusammenhänge und Phänomene.

In der Verlobung tritt der Stellenwert der Liebe als Triebfeder allen menschlichen Handelns in den Vordergrund. Die Intrige und die damit verbundenen Lügen Tonis sowie ihr Verschleiern der Wahrheit gegenüber ihrem Verlobten Gustav bedeuten dreierlei: Erstens Tonis Emanzipation und ihr Handeln mittels Freiheit, Verstand und Gefühl; zweitens Gustavs Wut und Enttäuschung durch das Nichterkennen und Nichtkennen der Wahrheit, was letztlich zur Katastrophe führt; drittens die Errettung der Familie, also des Kollektivs durch das Opfer der Liebenden, der Individuen. Wird Tonis erotische Kunst erfolgreich als Waffe eingesetzt, ist es doch die Liebe, die letztlich mehr vermag: Zwar kann auch sie tragisch enden, anders als der Einsatz der Erotik als Waffe jedoch vermag die Liebe auch zu erretten. Behilflich sind Toni dabei ihr Gefühl und ihr Verstand, nicht mehr nur der stumpfe Einsatz der ihr durch die Erziehung vermittelten Taktiken. Diese Taktiken vermag sie zu übernehmen und einzusetzen, ihr selbstständiges Handeln gegen die Autorität und die Macht Congo Hoangos jedoch dient letztlich der Errettung.

Obgleich ‚die‘ Wahrheit also nicht stets zugänglich ist, und ihr Nichterkennen in der Erzählung katastrophale Konsequenzen hat, zeigt sich hier doch auch Hoffnung: Intrigen und ihre verwandten Phänomene sind nicht nur Resultate des Kriegs, sondern Bestandteil alltäglichen Lebens. Zwar können sie zu Verzweiflung führen, aber auch Emanzipation und Errettung bedeuten.

Im Bezug zum sozio-historischen Kontext des Schriftstellers Kleist also zeigt sich, dass die Intrige besonders in Krisenzeiten und Zeiten der Umbrüche zutage kommt, wie die Kriegssituation in der Verlobung anzeigt, trotzdem jedoch sind Lügen und Intrigen als eine Notwendigkeit menschlichen Zusammenlebens zu betrachten. Sie markieren nicht nur die Entwicklung geistiger Fähig- und Fertigkeiten, sondern verkörpern die Freiheit der handelnden Person in unterschiedlichem Ausmaß. Congo Hoango handelt dabei aus Rachsucht und Willkür, und bedient sich aller Register der Intrige. Tonis Gegenintrige verweist dabei auf die Notwendigkeit, nicht nur als Reaktion auf die autoritären familiär-politischen Strukturen, sondern auch im Zusammenhang menschlichen Zusammenlebens bezüglich Familie und romantischer Zweierbeziehung.


Bibliografie

I. Primärliteratur

Kleist, Heinrich von: Sämtliche Werke und Briefe. Hg. v. Helmut Sembdner. Zwei Bände. 9., vermehrte und revidierte Auflage. München 1993.

II. Sekundärliteratur

II.1 Monografien

Alt, Peter-André: Ästhetik des Bösen. München 2010.

Berroth, Erika: Heinrich von Kleist. Geschlecht – Erkenntnis – Wirklichkeit. New York 2003.

Breuer, Ingo (Hg.): Kleist-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart/Weimar 2009.

Deißner, David: Moral und Motivation im Werk Heinrich von Kleists. Tübingen 2009.

Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt am Main 1993.

Hoffmeister, Elmar: Täuschung und Wirklichkeit bei Heinrich von Kleist. Bonn 1968.

Martínez, Matías/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 9., erweiterte und aktualisierte Auflage. München 2012.

Matt, Peter von: Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist. Wien/München 2006.

Schede, Hans-Georg: Heinrich von Kleist. Reinbek bei Hamburg 2008.

Shibles, Warren: Lying: A Critical Analysis. Whitewater 1985.

Zipes, Jack: Rotkäppchens Lust und Leid. Biographie eines europäischen Märchens. Köln 1982.

II.2 Aufsätze und Artikel

Eggert, Hartmut/Kocher, Ursula: Überlegungen zur Aktualität der Lügenforschung und zu einer historischen Ästhetik der Lüge. In: Eggert, Hartmut/Golec, Janusz (Hgg.): Lügen und ihre Widersacher. Literarische Ästhetik der Lüge seit dem 18. Jahrhundert. Ein deutsch-polnisches Symposion. Würzburg 2004, S. 11-23.

Grzesiuk, Ewa: „Ich reime, dächt‘ ich, doch noch ziemlich zusammen, was zusammengehört“. Intriganten und Intrigen in Lessings Emilia Galotti. In: Eggert, Hartmut/Golec, Janusz (Hgg.): Lügen und ihre Widersacher. Literarische Ästhetik der Lüge seit dem 18. Jahrhundert. Ein deutsch-polnisches Symposion. Würzburg 2004, S. 72-83.

Müller, Heidy M.: Wertsetzung als Implikation der Erzählhaltung. Bemerkungen zur Judendarstellung in Jurek Beckers Romanen. In: Philosophica 38, 1986 (2), S. 61-76.

Neumann, Gerhard: Einleitung. In: Neumann, Gerhard (Hg.): Heinrich von Kleist. Kriegsfall – Rechtsfall – Sündenfall. Freiburg im Breisgau 1994, S. 7-12.

II.3 Internetquellen

O.V.: So funktioniert die perfekte Lüge. In: DIE WELT Online vom 28.05.2013. Unter: http://www.welt.de/gesundheit/psychologie/article116587465/So-funktioniert-die-perfekte-Luege.html. [Zuletzt abgerufen am: 26.06.2014, 18:32 Uhr.]

Theater Erlangen: Werkschau: Heinrich von Kleist. 12. bis 16. März 2015. Unter: http://www.theater-erlangen.de/index.php?id=1132. [Zuletzt abgerufen am 02.12.2014, 19:50 Uhr.]


[1] Berroth, Erika: Heinrich von Kleist. Geschlecht – Erkenntnis – Wirklichkeit. New York 2003, S. 1.

[2] Shibles, Warren: Lying: A Critical Analysis. Whitewater 1985, S. 90f.

[3] Matt, Peter von: Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist. Wien/München 2006, S. 24.

[4] Neumann, Gerhard: Einleitung. In: Neumann, Gerhard (Hg.): Heinrich von Kleist. Kriegsfall – Rechtsfall – Sündenfall. Freiburg im Breisgau 1994, S. 7.

[5] So wird es beispielsweise im Theater Erlangen im März 2015 eine Werkschau zu Heinrich von Kleist geben.

[6] Vgl. Eggert, Hartmut/Kocher, Ursula: Überlegungen zur Aktualität der Lügenforschung und zu einer historischen Ästhetik der Lüge. In: Eggert, Hartmut/Golec, Janusz (Hgg.): Lügen und ihre Widersacher. Literarische Ästhetik der Lüge seit dem 18. Jahrhundert. Ein deutsch-polnisches Symposion. Würzburg 2004, S. 11.

[7] Deißner, David: Moral und Motivation im Werk Heinrich von Kleists. Tübingen 2009, S. 4.

[8] Hoffmeister, Elmar: Täuschung und Wirklichkeit bei Heinrich von Kleist. Bonn 1968, S. 12.

[9] Shibles (1985): Lying, S. 34.

[10] Matt (2006): Die Intrige, S. 94.

[11] Grzesiuk, Ewa: „Ich reime, dächt‘ ich, doch noch ziemlich zusammen, was zusammengehört“. Intriganten und Intrigen in Lessings Emilia Galotti. In: Eggert, Hartmut/Golec, Janusz (Hgg.): Lügen und ihre Widersacher. Literarische Ästhetik der Lüge seit dem 18. Jahrhundert. Ein deutsch-polnisches Symposion. Würzburg 2004, S. 76.

[12] Unter Intrige versteht von Matt „geplante, zielgerichtete und folgerichtig durchgeführte Verstellung zum Schaden eines anderen und zum eigenen Vorteil.“ (S. 54)

[13] Vgl. Matt (2006): Die Intrige, S. 34.

[14] Vgl. ebd.

[15] Ebd., S. 33.

[16] Ebd., S. 37.

[17] In Anlehnung an Aristoteles‘ Begriff der Anagnórisis. Vgl. ebd., S. 122.

[18] Ebd., S. 120.

[19] Ebd., S. 33.

[20] Ebd., S. 118.

[21] Ebd., S. 119.

[22] Ebd., S. 37.

[23] Ebd., S. 119.

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Ebd.

[27] Vgl. Ebd., S. 228ff.

[28] Vgl. Breuer, Ingo (Hg.): Kleist-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart/Weimar 2009.

[29] Vgl. Shibles (1985): Lying, S. 130.

[30] Vgl. Ebd.

[31] Vgl. Ebd., S. 141ff.

[32] Ebd., S. 98.

[33] Ebd., S. 136.

[34] Ebd., S. 137.

[35] Zipes, Jack: Rotkäppchens Lust und Leid. Biographie eines europäischen Märchens. Köln 1982, S. 20.

[36] Vgl. Martínez, Matías/Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. 9., erweiterte und aktualisierte Auflage. München 2012.

[37] Vgl. Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Frankfurt am Main 1993, S. 11.

[38] Matt (2006): Die Intrige, S. 46.

[39] Eggert/Kocher (2004): Überlegungen zur Aktualität der Lügenforschung, S. 18.

[40] Alt, Peter-André: Ästhetik des Bösen. München 2010, S. 215.

[41] Matt (2006): Die Intrige, S. 197.

[42] Breuer (2006): Kleist-Handbuch, S. 126.

[43] O.V.: So funktioniert die perfekte Lüge. In: DIE WELT Online vom 28.05.2013.

[44] Hoffmeister (1968): Täuschung und Wirklichkeit bei Heinrich von Kleist, S. 51.

[45] Vgl. Matt (2006): Die Intrige, S. 142.

[46] Ebd., S. 42f.

[47] Shibles (1985): Lying, S. 36.

[48] Matt (2006): Die Intrige, S. 465.

[49] Vgl. Hoffmeister (1968): Täuschung und Wirklichkeit bei Heinrich von Kleist, S. 9.

[50] Müller, Heidy M.: Wertsetzung als Implikation der Erzählhaltung. Bemerkungen zur Judendarstellung in Jurek Beckers Romanen. In: Philosophica 38, 1986 (2), S. 62.

[51] Matt (2006): Die Intrige, S. 24.

[52] Shibles (1985): Lying, S. 19.

[53] Schede, Hans-Georg: Heinrich von Kleist. Reinbek bei Hamburg 2008, S. 7.

[54] Breuer (2009): Kleist-Handbuch, S. 122f.