Gabriel García Márquez: „Von der Liebe und anderen Dämonen“ (1994)

Roman, 1994 veröffentlicht, 2006 im Fischer Taschenbuch Verlag als limitierte Sonderauflage in Frankfurt am Main erschienen, 224 Seiten. ISBN: 978-3-596-50955-3.
Von der Liebe und anderen Dämonen

Keine Medizin heilt, was nicht die Glückseligkeit heilt.

S. 53

Er gilt als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Schriftsteller der Welt: Gabriel García Márquez. Er war Literaturnobelpreisträger, hat zur Popularität des magischen Realismus beigetragen und ist mit dem Roman Hundert Jahre Einsamkeit aus dem Jahr 1967 weltweit bekannt geworden. Das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe, fand über einen Umweg seinen Platz in meinem Bücherregal: Als ich 2015 Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt aus dem Jahr 2005 für meine Masterarbeit analysierte, tauchten in dem Buch vier Ruderer auf, Carlos, Gabriel, Mario und Julio. Diese Figuren sind der Forschungsliteratur zufolge als Referenz auf die Schriftsteller Carlos Fuentes, Gabriel García Márquez, Mario Vargas Llosa, Julio Cortázar zu verstehen – die wiederum als wichtige Einflüsse für Kehlmanns Schreiben gelten. Durch meine Vorliebe für Kehlmanns Literatur kam es also zum Kauf des Romans Von der Liebe und anderen Dämonen.

Die Handlung

Cartagena de Indias, Kolumbien, in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Die zwölfjährige Sierva María de Todos los Ángeles, Tochter eines Kreolen, dem Marqués de Casalduero, und der Mestizin Bernarda Cabrera, wird während eines Dezemberspaziergangs über den Markt von einem tollwütigen Hund gebissen. Als ihr Arzt erklärt, sie sei nicht mehr zu retten, beschließt ihr Vater, dass sie zuhause sterben soll. Der Arzt rät zu einer Glückstherapie: „‚Inzwischen‘, sagte Abrenuncio, ‚lassen Sie Musik spielen, füllen Sie das Haus mit Blumen, lassen Sie die Vögel singen, bringen Sie das Mädchen zu den Sonnenuntergängen ans Meer, geben Sie ihm alles, was es glücklich machen kann.‘ […] ‚Keine Medizin heilt, was nicht die Glückseligkeit heilt.‘“ (S. 53) Später, nach einem Gespräch zwischen dem Marqués und dem Bischof von Cartagena, lässt sich Sierva Marías Vater darauf ein, sie in das Klarissinnenkloster Santa Clara von Cartagena einzuweisen, wo sie letztlich Exorzismen unterzogen werden soll, durchgeführt vom 36-jährigen Pater Cayetano Delaura. Welche Folgen die Begegnung von Sierva María und Cayetano Delaura hat, behandeln die letzten beiden der insgesamt fünf Kapitel.

Die Themen

Wie mag es auch anders sein: Die Liebe ist das Hauptthema des Buchs, in erster Linie die zwischen Mann und Frau, zwischen Sierva und Cayetano. Die Erzählung konzentriert sich vor allem darauf, welche Effekte diese Liebe auf Pater Cayetano Delaura hat: Stück für Stück treibt sie ihn in den Wahnsinn (vgl. S. 129 & S. 222f.). Noch schlechter ergeht es Sierva, deren Tod der Liebe, nicht den zahlreichen Exorzismen zugeschrieben wird:

Die Wächterin, die hereinkam, um Sierva María für die sechste Exorzismussitzung vorzubereiten, fand sie auf dem Bett, vor Liebe gestorben, mit strahlenden Augen und der Haut einer Neugeborenen.

S. 224

Neben der Liebe zwischen Sierva und Cayetano werden auch die Liebschaften des Marqués thematisiert, die jedoch nicht positiver ausgehen. So stirbt etwa eine der Frauen in seinem Leben, eine andere wird er nie heiraten, und die Frau, die er heiratet, ehelicht er nur infolge einer Vergewaltigung, die jedoch nicht problematisiert wird (s. S. 64).

„[D]as Verhängnisvollste“, die Schwangerschaft und daraus resultierende Heirat, führt nicht nur zu Hass zwischen den Eheleuten, sondern auch auf das gemeinsame Kind: „Das Mädchen, Tochter eines Adligen und einer Plebejerin, hatte die Kindheit einer Ausgesetzten. Nachdem die Mutter ihm ein einziges Mal die Brust gegeben hatte, haßte sie das Kind und wollte es, aus Angst es zu töten, nicht bei sich behalten.“ (S. 66)

Liebe ist der Erzählung zufolge vor allem dies: „ein Gefühl, das gegen die Natur verstoße, das zwei Unbekannte zu einer kleinlichen und ungesunden Abhängigkeit verurteile, die je kurzlebiger, desto intensiver sei“ (S. 220), was besonders die Liebe zwischen Sierva und Cayetano verdeutlicht.

Weitere Themen des Buchs sind Medizin und Moral, Religion, Glaube, immer in Verbindung mit dem Anderssein, dem Fremden, Unbekannten. „Das Andere“ wird besonders durch den Kontrast zwischen Schwarz und Weiß verdeutlicht.

Wer Von der Liebe und anderen Dämonen liest, profitiert sicherlich von einem gewissen Hintergrundwissen zur literarischen Tradition des magischen Realismus sowie zur Geschichte des Exorzismus und der Kolonialisierung Südamerikas.

Der Schreibstil

Besonders auffällig ist die Verknüpfung von realistischen und nichtrealistischen Merkmalen, die dem Konzept des magischen Realismus entsprechen. Unter magischem Realismus versteht man „jene Eigentümlichkeit der lateinamerikanischen Literatur, das Wunderbare vollkommen natürlich in die Wirklichkeit zu integrieren und – meist in begrenztem Umfang – z.B. Verwandlungen in Tiere oder Pflanzen, Geistererscheinungen oder Gedankenübertragungen ohne sog. Markierung in das Handlungsgeschehen einzubeziehen.“ (Rickes, Joachim: Daniel Kehlmann und die lateinamerikanische Literatur. Würzburg: Königshausen & Neumann 2012, S. 73.) Es geht um „das Zusammenspiel von realistischen und nichtrealistischen Elementen“ (Nünning, Ansgar: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. 4. Auflage, S. 455).

Der Geschichte von Sierva María wird eine Eingangssequenz vorangestellt, die nicht nur erklärt, woher die Inspiration für das Buch kam, sondern auch das Konzept des magischen Realismus widerspiegelt: In seiner Funktion als Journalist habe Gabriel García Márquez Ende Oktober des Jahres 1949 von der Ausräumung der Grabkammern des ehemaligen Klosters von Santa Clara berichten sollen. Der „Ursprung dieses Buches“ (S. 14) entstamme der Idee, dass der bei der Ausgrabung gefundene Grabstein von Sierva María de Todos los Ángeles nebst einer Haarmähne die der zwölfjährigen Marquesita sein könnte, die Márquez aus den Legenden der Großmutter kannte. Dieses Eingangssequenz ist die Basis der folgenden Erzählung, die eine realistische Erzählstruktur mit nichtrealistischen Elementen verbindet. Was die Erzählung so realistisch macht, ist das beinahe filmische Erzählen, das Visuelle, durch das der Leser ein genaues Bild von der Szene und der Umgebung vor Augen hat. Nicht nur gleicht bereits der Beginn er Erzählung einem Filmanfang; auch das Kloster wird so plastisch dargestellt, dass das erzählte Bild perfekt den Bildern des Klosters, die beispielsweise im Internet zu finden sind, entspricht.

Die Leseprobe

gibt es hier: 🔗 Leseprobe Von der Liebe und anderen Dämonen