Sally Rooney: „Normal People“ (2018)

Roman, 2018 im Verlag Faber & Faber in London erschienen, 266 Seiten. ISBN: 9781984822178.

I don’t know what’s wrong with me, says Marianne. I don’t know why I can’t be like normal people. (…)

In what way? he says.

I don’t know why I can’t make people love me. I think there was something wrong with me when I was born.

S. 181

Marianne Sheridan und Connell Waldron wachsen in der gleichen Kleinstadt auf, Carricklea in der Grafschaft Sligo in Irland. Sie kommt aus einer wohlhabenden Familie und ist eine Außenseiterin ohne Freunde, er, in ärmlicheren Verhältnissen und ohne Vater aufgewachsen, gehört zu den beliebten Schülern. Durch die Anstellung von Connells Mutter Lorraine bei den Sheridans kommen Marianne und Connell ins Gespräch – und entwickeln über die Jahre eine tiefe Freundschaft und Beziehung.

Die Themen

In Normal People geht es vor allem um Beziehungen, um familiäre Beziehungen genauso wie um Freundschaft und Liebe. Im Mittelpunkt der Erzählung stehen Marianne und Connell, die nicht voneinander lassen können und die eine Vertrautheit teilen, die sie vergeblich in anderen Menschen suchen. Durch ihre Freundschaft lernen sie sich und ihre Gefühle besser kennen, sie werden zusammen erwachsen und lernen, sich einem anderen Menschen zu öffnen. Und es geht um familiäre Beziehungen, die von Missbrauch und Verlassenwerden geprägt sind, und darum, welche Auswirkungen schwierige Familienverhältnisse auf Marianne und Connell haben. Ein drittes großes Thema ist der Klassenunterschied zwischen den beiden: Während ihre Eltern als Rechtsanwälte arbeiten, sie ein Ferienhaus in Italien besitzt und keine finanziellen Sorgen hat, ist es bei Connell genau das Gegenteil. Seine alleinerziehende Mutter reinigt Häuser, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, und wegen fehlenden Geldes zieht er während der Sommerferien zurück in seine Heimatstadt und hält sich mit Nebenjobs über Wasser. Der Klassenunterschied wird besonders deutlich während ihrer Studienzeit in Dublin, als Connell Mariannes Freunde kennenlernt, die ebenfalls privilegiert aufgewachsen sind. Nicht zuletzt thematisiert Normal People psychische Erkrankungen wie Depressionen, und das in keiner Weise beschönigend.

Der Schreibstil

Mit Ausnahme einiger Rückblicke wird die Geschichte chronologisch erzählt, markiert durch die Überschriften in Form von Angabe des Monats und der Jahreszahl. Es wird klar erzählt, auf den Punkt, ohne Schnörkel, unnötige Ausschmückungen oder Ausschweifungen. Trotzdem sind es große Gefühle, Sätze, die mitten ins Herz treffen, wie etwa:

Marianne, he said, I’m not a religious person but I do sometimes think God made you for me.

S. 113

oder als Marianne sagt:

I didnt’ need to play any games with you, she says. It was real.

S. 134

Bei der wörtlichen Rede wird auf Anführungszeichen verzichtet, es fehlt also die Markierung von Erzähler- und Figurenrede. Was anfangs durchaus verwirrend sein kann, sorgt für den Effekt, dass der Leser mitten in die Geschichte gezogen wird. Durch diese Art des Erzählens liegt der Fokus der Geschichte weniger auf dem Gesagten als auf dem, was zwischen den Figuren geschieht, der Verbindung der beiden Hauptfiguren, die sie selbst nicht wirklich in Worte fassen können.

Die Leseprobe

gibt es hier: 🔗 Leseprobe Normale Menschen

Das Extra

Das Buch resultiert aus Rooneys erster Erzählung über Marianne und Connell, die 2016 unter dem Titel At the Clinic bei The White Review erschien. In einem Interview mit New Statesman erklärt Rooney, die Beziehung der beiden hätte so eine Historie, dass sie sich letztlich entschied, ihre Geschichte von Anfang an und in chronologischer Reihenfolge zu erzählen – woraus Normal People wurde. Die Kurzgeschichte kann hier gelesen werden:

Normal People ist zudem als TV-Serie auf Hulu verfügbar.

Die Autorin

Sally Rooney wurde 1991 in Irland geboren und lebt heute in Dublin. Sie studierte Politik und Literatur am Trinity College in Dublin. Ihre Arbeiten wurden bei The White Review, New Yorker, Granta, The Dublin Review und The Stinging Fly veröffentlicht. Ihr Debütroman Gespräche mit Freunden (Conversation with Friends) aus dem Jahr 2017 wurde von der Sunday Times, dem Observer und von Telegraph zum „Buch des Jahres“ gewählt. In Deutschland erscheinen ihre Bücher beim Verlag Luchterhand der Random-House-Gruppe.