Elizabeth Strout: „Die Unvollkommenheit der Liebe“ (2016)

Roman, 2016 veröffentlicht, 2016 im Luchterhand Literaturverlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH in der 2. Auflage in München erschienen, 205 Seiten. ISBN: 978-3-630-87509-5.
Die Unvollkommenheit der Liebe

Leben, denke ich manchmal, heißt Staunen.

S. 205

Die Unvollkommenheit der Liebe handelt von Lucy Barton: der Tochter, Mutter, Ehefrau, Schriftstellerin. In Anekdoten erfährt der Leser von ihrem Weg aus der Kleinstadt Amgash in die Großstadt New York, wie sie sich ihren Traum, Schriftstellerin zu werden, erfüllt hat, und von ihrer Beziehung zur Familie, insbesondere zu ihrer Mutter, die es einfach nicht schafft, ihrer Tochter zu sagen, dass sie sie liebt. Der Roman beginnt mit der Erinnerung an einen Krankenhausaufenthalt Lucys Mitte der Achtzigerjahre, der länger dauerte als gedacht. Nachdem sie bereits drei Wochen im Krankenhaus verbracht hatte, taucht ihre Mutter auf.

Ich hatte meine Mutter viele Jahre nicht gesehen, und ich musste sie immerzu anschauen; sie sah so verändert aus, aber ich hätte nicht sagen können, warum.

S. 11

Dieses Ereignis ist der Anlass für die Geschichten von ihrer Kindheit und Jugend in Amgash in Illinois.

Die Themen

Beim Lesen musste ich unwillkürlich an einen der bekanntesten Romananfänge der Weltgeschichte denken: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.“ (Lew Tolstoj, Anna Karenina) Denn Die Unvollkommenheit der Liebe ist vor allem die Geschichte einer Familie. Die Bartons – Außenseiter, wie Lucy sagt, selbst in einer ärmlichen Gegend – sind nicht perfekt, machen Fehler, und obwohl Lucys Mutter ein „ich liebe dich“ einfach nicht über ihre Lippen bringt, ist sie doch für sie da, als sie wochenlang im Krankenhaus liegt. Lucy Barton erzählt von Familiengeheimnissen, davon, wie ihre Familie die eigene Geschichte aufarbeitet und wie sie mit ihrer schwierigen Kindheit umgeht. Sie erzählt von ihrem ersten Mann William, der es nicht aushielt, Lucy im Krankenhaus zu besuchen und eine Affäre beginnt, und sie impliziert, dass ihre beiden Töchter durch die Trennung selbst einiges zu verarbeiten haben.

Die Unvollkommenheit der Liebe ist aber auch ein Buch über Lucy selbst, darüber, wie sie sich ihren Traum vom Schriftstellerinnendasein erfüllt hat, was ihr Literatur bedeutet und was sie können muss. Besonders wenn man den Originaltitel des Buchs in Betracht zieht, wird dies deutlich: My Name is Lucy Barton – dann dreht es sich nicht in erster Linie um die schwierige Kindheit und traumatischen Erfahrungen von Lucy Barton, sondern handelt davon, wie Lucy sich ihren Traum erfüllt hat, Schriftstellerin zu werden. Sie erzählt, wie sie es aus einer armen Familie in der amerikanischen Kleinstadt nach New York geschafft hat, wie sie alle Hindernisse überwunden und sich ihren Traum erfüllt hat. So wird der Roman zu einer Art Geschichte vom „American Dream“, versinnbildlicht im Chrysler Building. Der Wolkenkratzer taucht auf dem englischen und deutschen Cover auf sowie an diversen Stellen im Text. Eine zentrale Figur auf dem Weg zur Autorin ist für Lucy die Schriftstellerin Sarah Payne, die sie nicht nur zum Schreiben inspiriert hat, sondern auf metafiktionaler Ebene sogar das Thema des Buchs zusammenfasst.

Ihre Geschichte handelt von Liebe, das wissen Sie. […] Sie schreiben über eine Mutter, die ihre Tochter liebt. Unvollkommen. Weil wir alle nur unvollkommen lieben können.

S. 114

Ein Aspekt, der besonders heraussticht, ist Lucys Dankbarkeit für das Leben. Stellenweise erzählt sie mit fast kindlicher Neugier von Begegnungen, kleinen Momenten, für die sie dankbar ist. Während der Zeit des Krankenhausaufenthalts etwa beobachtet sie die Passanten auf der Straße und sagte sich: „wenn ich erst aus dem Krankenhaus entlassen wäre, dann würde ich nie wieder einen Gehsteig entlanggehen, ohne dem Schicksal zu danken, dass ich zu den Menschen hier unten gehörte, und viele Jahre lang war das auch so – ich dachte an den Blick aus dem Krankenzimmer und war froh um den Gehsteig, auf dem ich stand.“ (S. 7 f.)

Der Schreibstil

Trotz der Geschichten von einer schwierigen Kindheit, der Armut, der gescheiterten Ehe und der schwierigen Beziehung zu den Eltern, ist der Roman keine Abrechnung, es ist keine Bitterkeit herauszulesen. Stattdessen ist der Ton beinahe nüchtern. Daneben fallen vor allem die metafiktionalen Aspekte auf. Literatur ist eins der wichtigen Themen im Buch: Was soll Literatur können? Was kann sie nicht leisten? Welche Bedeutung hat Literatur? Nicht zuletzt wird die Zuverlässigkeit von Erzähltem, aber auch der eigenen Erinnerung infrage gestellt, was durch die Wahl des Ich-Erzählers, die Erzählung vergangener Ereignisse und der Wiederholung der Sätze „ich habe das schon gesagt“, deutlich wird. Der häufig wiederholte Satz „das ist es, was ich damit sagen will“ kann als Verschriftlichung des Prozesses der Sinnbildung durch Erzählen verstanden werden. Und so wird auch deutlich, dass die eigene Identität, die Persönlichkeit, die eigene Lebensgeschichte schließlich Narrationen sind.

Die Leseprobe

gibt es hier: 🔗 Leseprobe Die Unvollkommenheit der Liebe

Die Autorin

Die US-amerikanische Schriftstellerin Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland geboren und wuchs in Kleinstädten in Maine und New Hampshire auf. Für ihren Roman Mit Blick aufs Meer (im Original Olive Kitteridge) aus dem Jahr 2008 hat sie den Pulitzer-Preis für Romane erhalten. Strout hat Englisch am Bates College, Jura und Gerontologie am Syracuse University College of Law studiert, am English Department of Borough of Manhattan Community College unterrichtet und nebenbei wurden ihre Geschichten in Literaturmagazinen, bei Redbook und Seventeen veröffentlicht. Ihr erster Roman Amy & Isabelle erschien 1999, seitdem wurden sechs weitere Bücher von ihr herausgebracht, zuletzt Die langen Abende (im Original Olive, again) im Jahr 2019. Die Unvollkommenheit der Liebe erschien im Verlag Luchterhand.

I’m honored to be the Commencement Speaker for the University of Maine at Farmington class of 2019 and to be receiving…

Gepostet von Elizabeth Strout am Freitag, 3. Mai 2019