Kai Meyer: „Die Seiten der Welt“ (2014-2018)

Der 1969 in Lübeck geborene Kai Meyer ist seit 1995 hauptberuflich als Schriftsteller tätig. Er hat bisher rund 60 Romane geschrieben, die in millionenfacher Auflage veröffentlicht wurden, und ist einer der bekanntesten Vertreter der Fantastik in Deutschland. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise und Nominierungen. Die Spiegel-Bestseller-Reihe Die Seiten der Welt erschien bei Fischer FJB, dem Verlagsbereich für junge Erwachsene des S. Fischer Verlags mit Sitz in Frankfurt am Main. Zur Reihe gehören die Bücher Die Seiten der Welt (2014), Die Seiten der Welt – Nachtland (2015), Die Seiten der Welt – Blutbuch (2016) sowie Die Spur der Bücher (2017) und die dazugehörige Fortsetzung Der Pakt der Bücher (2018), die als Prequel zu Die Seiten der Welt unabhängig von der Reihe gelesen werden können.

Die Handlung

Die Reihe spielt in der Welt der Bibliomantik, der Kraft, mithilfe von Büchern Magie auszuüben. Im Mittelpunkt der Geschichte steht die junge Furia Salamandra Faerfax, die zu einem der wichtigen vier Häuser der bibliomantischen Welt gehört. Auf der Suche nach ihrem Bruder Pip, der eines Tages entführt wird, gelangt Furia von ihrem Landsitz in den Cotswolds über Libropolis in ein aufregendes Abenteuer.

Die Themen

Furias Abenteuer führen sie in die Welt der Exlibri und der Tintlinge, Verstoßene in der Welt der Bibliomantik. Als Figuren, die aus Büchern gefallen sind, werden sie in der von der Adamitischen Akademie regierten bibliomantischen Welt nicht akzeptiert und leben in den Ghettos der Refugien. Eine Widerstandsgruppe der Adamitischen Akademie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Akademie zu zerstören und für die Exlibri und die Tintlinge zu kämpfen, für ihre Würde und ihre Anerkennung. In der Reihe geht es hauptsächlich um den Kampf um Gerechtigkeit für unterdrückte Gruppen, um Toleranz und Menschlichkeit, darum, sich für seine Überzeugungen einzusetzen. Daneben geht es auch ums Erwachsenwerden und die Gefühlen und Veränderungen, die damit einhergehen. Nicht zuletzt ist die Reihe, vor allem der letzte Band, höchst metafiktional. Im 21. Kapitel des dritten Bandes, Blutbuch, bzw. im 88. Kapitel der Hörbuch-Version auf Spotify gibt es eine Begegnung, die für die Reihe einmalig ist: Rachelle Himmel, so wie Furia Mitglied eins der wichtigen Häuser in der erzählten Welt, begegnet dem Schreiber der Geschichte. Die Beschreibung des kahlköpfigen Mannes in Jeans und schwarzem Hemd erinnert dabei doch stark an den Autor des Buches.

Rachelle wird von einer Figur in einem Spiegel zu einem Gespräch eingeladen, für das sie durch den Spiegel hindurch in die Welt des Mannes gehen muss. Der Spiegel ist von dem studierten Geisteswissenschaftler Meyer sicherlich nicht zufällig ausgewählt worden. Das Symbol des Spiegels hat eine lange literarische Tradition und kann verschiedene Bedeutungen haben. Beispielsweise war Spiegel im Mittelalter ein beliebter Titel für belehrende, religiöse, juristische und satirische Werke, die den Anspruch hatten, entweder die Wirklichkeit adäquat abzubilden oder einen erstrebenswerten Zustand aus dem Idealzustand in die Wirklichkeit zu projizieren. Alle haben eine didaktische Funktion gemein.[1] Im Blutbuch fungiert der Spiegel als Portal der Wahrheit sowie als Symbol dafür, die Realität infrage zu stellen – ein Kernelement metafiktionaler Literatur, die grundsätzlich das Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit problematisieren. Sicherlich passiert das in der gesamten Reihe, diese Sequenz jedoch bringt das Ganze auf den Punkt.

Der Schreibstil

Die Seiten der Welt wurde von einem hervorragenden Geschichtenerzähler geschrieben. Es ist schwer, sich vom Text loszureißen, und auch andere Bücherliebhaber dürften sich in der erzählten Welt voller Bücher und Magie gleich wohlfühlen. Es werden spannende Bildwelten geschaffen, in die der Leser hineingezogen wird, und die Konflikte der Figuren sind gut erzählt. Gerne hätte ich noch mehr über die Figuren, ihre Gedanken und ihre Gefühle erfahren. Stilistisch kommt für meinen Geschmack ein wenig zu häufig die Formulierung „einen Herzschlag lang“ im Buch vor. Ebenso hätte ich auf die Einheit Yards verzichten können, die zwar sicherlich dem Setting in England geschuldet ist, mich jedoch zu sehr vom Geschehen abgelenkt hat. Denn als deutsche Leserin habe ich kein Bild davon, wie lang vier Yards sind und wie weit eine Figur also von der anderen entfernt ist. Trotzdem: Eine tolle Reihe, die ich Fantasy-Fans nur empfehlen kann.

Die Leseproben

gibt es hier:


[1] vgl. Burdorf, Dieter; Fasbender, Christoph; Moeninghoff, Burkhard (Hgg.): Metzler Lexikon Literatur. Begriffe und Definitionen. 3., völlig neu bearbeitete Auflage. Stuttgart: J. B. Metzler 2007, S. 721.