Peter Stamm: „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ (2018)

Roman, 2018 bei S. FISCHER erschienen, 160 Seiten. ISBN: 978-3-10-397259-7.
Stockholm - Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt war ein absoluter Zufallsfund. Seit ich wegen der diesjährig aktuellen Hygiene- und Vorsichtsmaßnahmen sehr viel im Home Office war und dadurch weniger gependelt bin, blieb mir auch mehr Zeit für andere Dinge. Wie zum Beispiel kochen. Oder ausgedehnte Spaziergänge. Zum etwa gleichen Zeitpunkt habe ich die Kategorie „Hörbücher“ bei Spotify entdeckt. Im Gegensatz zu vielen Freunden war ich nie der Hörbuch-Typ, doch bin ich im Frühling 2020 zum absoluten Fan geworden, denn Hörbücher und ausgedehntes Kochen oder Spazieren lassen sich bestens verbinden. So ergab es sich, dass ich vor eingen Tagen das Buch von Peter Stamm entdeckt hatte, ein Autor, der mir bisher weniger bekannt war.

Der Autor

Der Schweizer Schriftsteller Peter Stamm wurde im Januar 1963 in Scherzingen im Kanton Thurgau geboren und ist in Weinfelden aufgewachsen. Nach einer kaufmännischen Lehre und ein paar Semestern an der Universität Zürich ist er seit 1990 als freier Autor und Journalist tätig, unter anderem für die Neue Zürcher Zeitung, den Nebelspalter und das Magazin des Tages-Anzeigers. Heute lebt er – nach längeren Auslandsaufenthalten in Paris, New York, Berlin und anderen Städten – mit seiner Familie in Winterthur. Sein erster Roman „Agnes“ erschien 1998, danach wurden weitere sechs Romane, fünf Erzählungssammlungen sowie ein Band mit Theaterstücken von ihm veröffentlicht. Seine Werke wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt und bereits mehrfach ausgezeichnet. Für Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt erhielt er 2018 den Schweizer Buchpreis.

© Sabina Bobst

Gepostet von Peter Stamm am Sonntag, 28. August 2011
Die Handlung

„Jemand hat mal gesagt, Prosaautoren schrieben über die Welt, Lyriker über sich selbst“, sagte ich. „Glauben Sie, das stimmt?“, fragte Lena. Ich zuckte mit den Schultern. „Vielleicht stimmt auch das Gegenteil.“

Die Erzählung handelt von Christoph, einem Mann in – wahrscheinlich – mittlerem Alter, der sich mit Lena verabredet, einer Frau, die um einiges jünger ist als er. Auf ihrem Spaziergang durch Stockholm erfahren wir aus seinen Erzählungen, dass er vor 20 Jahren eine Frau geliebt hat, Magdalena, die der jungen Lena sehr ähnelt. Ist der Leser anfangs noch in einer realistischen Erzählung mit geschlossener Welt, werden bald die Grenzen der Fiktion aufgebrochen und Vergangenheit und Gegenwart miteinander vermischt. Denn je mehr Christoph von Lena erfährt, desto klarer wird, dass die Parallelen zwischen seiner Beziehung zu Magdalena und der Beziehung zwischen Lena und Chris mehr als nur ein Zufall sind.

Die Themen

Zunächst einmal geht es vordergründig um ein ganz großes Thema: die Liebe. Christoph erzählt Lena von seiner einstigen Partnerin Magdalena, von den schönen Zeiten, die sie miteinander hatten, aber auch davon, dass und warum die Beziehung keinen Bestand haben konnte, warum die Liebe unmöglich war. Durch das Motiv des Doppelgängers, das durch die Figuren Lena und Chris – als, quasi, Gegenstück zu Madgalena und Christoph – in der Erzählung aufkommt, werden im Roman zwei Fragen aufgeworfen: einerseits die Frage nach Fakt und Fiktion (Stichwort: Metafiktion!), andererseits die Frage nach der Erinnerung und ihrer Verlässlichkeit. Eher überraschend verlässt der Leser die geschlossene erzählte Welt und findet sich in einer Welt wieder, die zwar starke Ähnlichkeiten mit der „realen“ Welt hat, in gewissen Punkten jedoch nicht deren Gesetzen gehorcht. Dabei beginnt selbst der Protagonist, der gleichzeitig Erzähler der Geschichte ist, zu zweifeln. Darüber, ob seine Erinnerungen wahr sind, oder ob er sie konstruiert hat.

„Haben Sie schon einmal daran gedacht, dass alles nur Einbildung sein könnte?“

„Ich habe längst aufgehört, mich das zu fragen“, sagte ich.

Abschließend beantwortet werden die Fragen nicht, vieles bliebt offen.

Der Schreibstil

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt zeichnet sich durch einen klaren, einfachen, aber raffiniert-lebendigen Schreibstil aus, was mir persönlich sehr gut gefällt. Erzähler und Protagonist des Romans ist Christoph, ein Schriftsteller, der den Prozess des Schreibens und seine Bedeutung mehrfach im Buch thematisiert. Durch die Schriftstellerfigur und die Doppelgängerthematik erhält der Roman zudem eine metafiktionale Ebene – was ich bekanntermaßen sehr schätze. Alles in allem ein schön geschriebenes, spannendes und in Teilen bewegendes Buch in einem klaren Schreibstil, das es jedoch an vielen Stellen dem Leser überlässt, Themen weiterzudenken oder -zudiskutieren.

Die Leseprobe

gibt es hier: 🔗 Leseprobe Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt